Ihre Dissertation hebt die Bedeutung von Pre-Quoting und Post-Quoting als diskursive Strategien in Gerichtsverfahren hervor. Welche Rolle spielt dabei die forensische Linguistik, insbesondere bei der Analyse, wie sprachliche Rahmungen und Zitate die Wahrnehmung von Zeugenaussagen und die Urteilsbildung beeinflussen? Gibt es Beispiele, wie linguistische Methoden helfen können, Manipulationen oder subtile Bedeutungsverschiebungen im Gerichtssaal aufzudecken?
Gerade da kommt die Stärke der forensischen Linguistik hervor: Sie ist so breit gefächert, weil sie Methoden und Perspektiven aus unterschiedlichen Teilbereichen der Linguistik zusammenführt, um Sprache in ihrer ganzen juristischen und gesellschaftlichen Komplexität analysieren zu können. Linguistische Methoden wie die Kritische Diskursanalyse, Transitivitätsanalysen oder korpuslinguistische Frequenzanalysen helfen dabei, genau solche Verschiebungen sichtbar zu machen.
In meinem konkreten Fall setzt die Analyse genau dort an, wo sich die Wahrnehmung derselben Aussage verändert, obwohl ihr eigentlicher propositionaler Inhalt gleich bleibt. Die forensische Linguistik untersucht also, wie mikrosprachliche Entscheidungen ideologische Positionierungen erzeugen und bestimmte Stimmen legitimieren oder delegitimieren. Dadurch werden Autorität und Glaubwürdigkeit unterschiedlich verteilt. Ein besonders spannendes Beispiel ist hier das Konzept des naming. Hier schaut man sich zum Beispiel an, wie zitierte Personen sprachlich bezeichnet werden – also ob jemand mit Namen genannt wird oder über bestimmte Nomen charakterisiert wird. Wenn ich sage, „die Mutter des Angeklagten“ habe gesagt, ihr Sohn wirke in letzter Zeit depressiv, hat diese Aussage einen anderen Effekt, als wenn ich sage, „eine Psychologin“ habe das Gleiche gesagt. Die beiden Quellen werden unterschiedlich hinsichtlich Glaubwürdigkeit und Autorität wahrgenommen. Dabei könnte die Mutter des Angeklagten ja durchaus selbst Psychologin sein – ob die Hörer:innen diese Information bekommen oder nicht, entscheide letztlich ich als Sprecherin. Genau solche (mikro)sprachlichen Entscheidungen untersucht die forensische Linguistik, weil sie bestimmte Stimmen aufwerten oder abschwächen können.
Ein weiteres spannendes Beispiel sind Präsuppositionen, also Bedeutungen, die in einer Aussage quasi mittransportiert werden. Ein klassisches Beispiel wäre die Frage: „Haben Sie aufgehört, Ihre Frau zu schlagen?“ Wenn der Angeklagte darauf einfach mit Ja oder Nein antwortet, wird bereits als gegeben vorausgesetzt, dass er seine Frau geschlagen hat. Die Antwort sagt dann nur noch aus, ob er damit aufgehört hat oder nicht. Solche Präsuppositionen funktionieren besonders effektiv, weil sie oft gar nicht bewusst wahrgenommen werden – sie sind taken-for-granted implications. Gerade im Gerichtssaal können solche impliziten Annahmen sehr wirkungsvoll sein, weil sie Narrative und Wahrnehmungen beeinflussen, ohne explizit ausgesprochen werden zu müssen.
Sie zeigen in Ihrem Essay, dass im Gerichtssaal nicht nur Fakten, sondern vor allem auch sprachliche Rahmungen und Quoting Frames darüber entscheiden, welche Stimmen als glaubwürdig oder autoritativ wahrgenommen werden. Können Sie an einem konkreten Beispiel erläutern, wie ein scheinbar neutrales Zitat durch die Wahl des einleitenden Verbs die Wahrnehmung einer Aussage verändert?
Ein gutes Beispiel wäre etwa der Unterschied zwischen:
„He said that the manner of death was homicide.“
„He assumed that the manner of death was homicide.“
„He determined that the manner of death was homicide.“
In allen Fällen geht es inhaltlich um dieselbe Information, aber die Verben erzeugen unterschiedliche Wirkungen. Said wirkt vergleichsweise neutral – es beschreibt zunächst nur, dass jemand etwas gesagt hat. Das Verb bewertet die Aussage selbst noch nicht besonders stark. Assumed hingegen schwächt die Aussage deutlich ab. Hier entsteht der Eindruck, dass die Person eher eine Vermutung geäußert hat als eine fundierte Einschätzung. Das kann Zweifel an der fachlichen Grundlage oder an der Sicherheit der Aussage erzeugen. Gerade im Gerichtssaal ist das relevant, weil dadurch auch die Glaubwürdigkeit oder Kompetenz der sprechenden Person beeinflusst werden kann. Determined funktioniert genau in die entgegengesetzte Richtung. Dieses Verb vermittelt Autorität, Expertise und wissenschaftliche Sicherheit. Es klingt nach einem professionellen, methodischen Prozess und positioniert die Aussage dadurch als objektiver und belastbarer. Obwohl der propositionale Inhalt – also die eigentliche Kernaussage – identisch bleibt, verändert sich durch das reporting verb die Wahrnehmung der gesamten Aussage.
In Ihrem Essay betonen Sie, wie wichtig es ist, die sprachlichen Mechanismen im Gerichtssaal kritisch zu hinterfragen. Welche Herausforderungen oder Grenzen sehen Sie bei der Analyse von Gerichtsprotokollen und Zeugenaussagen aus linguistischer Perspektive? Und wie kann die forensische Linguistik dazu beitragen, mehr Transparenz und Gerechtigkeit im juristischen Diskurs zu schaffen?
Eine der größten Herausforderungen bei der linguistischen Analyse von Gerichtsprotokollen und Zeugenaussagen ist, dass wir bei Transkripten immer mit einer reduzierten Version gesprochener Sprache arbeiten. Dinge wie Intonation, Lautstärke, Pausen oder Mimik und Gestik gehen dabei häufig verloren, obwohl sie für die Interpretation eigentlich wichtig wären. Natürlich gibt es – abhängig vom Forschungsvorhaben – auch deutlich detailliertere Transkriptionssysteme, aber selbst diese sind selten umfangreich genug, um wirklich alle Aspekte gesprochener Kommunikation vollständig einzufangen.
Dazu kommt, dass Gerichtsdiskurs stark von institutionellen Machtverhältnissen geprägt ist. Ein paar wenige Sprecher:innen entscheiden, welche Fragen gestellt werden, wie Aussagen reformuliert werden und welche Stimmen mehr Autorität bekommen. Genau deshalb ist es wichtig, diese sprachlichen Mechanismen kritisch zu hinterfragen. Die forensische Linguistik kann hier sichtbar machen, wie Glaubwürdigkeit und Autorität sprachlich konstruiert werden und wie bestimmte Narrative im Gerichtssaal entstehen. Methoden wie die Kritische Diskursanalyse oder korpuslinguistische Analysen helfen dabei, solche Muster systematisch offenzulegen und dadurch mehr Transparenz zu schaffen.
Was man dabei auch nicht vergessen darf: Forschung zu Sprache im Gericht hängt immer stark vom jeweiligen Rechtssystem ab. Ich forsche hier vor allem im Bereich des US-amerikanischen Rechtssystems, wo Prozesse häufig öffentlich zugänglich sind und man dadurch sehr gut an Daten wie Videoaufnahmen oder Transkripte kommt. In Österreich haben wir ein ganz anderes System und deutlich eingeschränkteren Zugang zu solchen Daten. Das bedeutet auch, dass sich viele linguistische Fragestellungen oder Methoden nicht einfach eins zu eins übertragen lassen. Forensisch-linguistische Forschung ist also immer auch stark vom rechtlichen und institutionellen Kontext abhängig, in dem sie stattfindet. Gleichzeitig ist genau das aber auch eine Stärke der forensischen Linguistik. Das Feld ist methodisch sehr flexibel, weil es unterschiedlichste linguistische Ansätze verbindet. Dadurch kann man durchaus von Forschung aus anderen Rechtssystemen profitieren und Erkenntnisse vergleichend heranziehen. Wenn überhaupt, erleichtert diese Offenheit sogar Rechtsvergleiche und macht sichtbar, welche sprachlichen Mechanismen systemübergreifend funktionieren und welche stärker vom jeweiligen juristischen Kontext abhängen.